Von den 580 in Deutschland heimischen Wildbienenarten sind 287 auf der Roten Liste, die Honigbiene ist nicht das Hauptproblem, sondern die Wildbienen. In einem Berliner Schrebergarten kannst du bei richtiger Gestaltung 40 bis 60 verschiedene Wildbienenarten ansiedeln. Die meisten Insektenhotels aus dem Baumarkt erreichen das nicht, weil ihre Bohrlöcher zu groß, zu kurz oder zu glatt gebohrt sind.
Was Wildbienen wirklich brauchen, ist überraschend einfach: nektarreiche Pflanzen, geeignete Nistplätze und Verzicht auf Pestizide. In dieser Reihenfolge. Wer die Pflanzen vergisst, kann das schönste Hotel hinstellen, die Bienen kommen trotzdem nicht.
Warum gefüllte Hybriden ein Problem sind
Eine gefüllte Dahlie oder Petunie sieht auf Instagram nach Bienenwiese aus, produziert aber praktisch keinen Pollen und keinen Nektar. Züchter haben die Staubgefäße in Blütenblätter umgewandelt, was die Pflanze für Insekten unbrauchbar macht. Das gilt für rund 70 Prozent der Beet- und Balkonpflanzen aus dem Discounter.

Die Faustregel: Wenn du die gelben Staubgefäße in der Blütenmitte nicht erkennen kannst, ist die Sorte für Bienen wertlos. Achte auf Bezeichnungen wie "ungefüllt", "Wildform" oder "einfach blühend". Beim Saatgutkauf hilft das Bio-Siegel, Bio-Sorten sind fast nie auf optische Schauwirkung gezüchtet.
Die Pflanzliste für Berliner Sandböden
Berlin hat überwiegend sandig-trockene Böden, was eigentlich gut ist, weil viele Wildbienen-Trachtpflanzen genau das mögen. Die folgenden Stauden und Kräuter sind in jeder Schrebergarten-Anlage geprüft und liefern von April bis Oktober Pollen und Nektar:
- Frühjahr (April–Mai): Krokus, Lungenkraut, Schlehe, Weide
- Frühsommer (Mai–Juni): Salbei, Thymian, Glockenblumen, Natternkopf
- Hochsommer (Juli–August): Lavendel, Borretsch, Sonnenhut, Wilde Malve
- Spätsommer (August–Oktober): Sedum, Astern, Wilde Möhre, Goldrute

Pflanze pro Saisonblock mindestens drei verschiedene Arten, das sichert die Versorgung auch bei schlechtem Wetter. Eine einzelne Lavendelpflanze allein reicht nicht. Wildbienen brauchen Vielfalt: viele Arten sind auf eine bestimmte Pflanzenfamilie spezialisiert (sogenannte oligolektische Arten).
Wildbienen-Hotels, die richtigen Bohrlöcher
Der häufigste Fehler bei gekauften Insektenhotels: die Bohrlöcher sind zu groß. Tannenzapfen und Schneckenhäuser sind reine Deko, dort nistet keine Wildbiene. Was tatsächlich angenommen wird, sind saubere, glatte Bohrlöcher in Hartholz mit den richtigen Durchmessern.
| Bohrloch-Ø | Tiefe | Wildbienen-Arten |
|---|---|---|
| 3 mm | 5–6 cm | Maskenbiene, Scherenbiene |
| 4 mm | 6–8 cm | Löcherbiene, kleine Mauerbiene |
| 5 mm | 8–10 cm | Gehörnte Mauerbiene |
| 6 mm | 10–12 cm | Rote Mauerbiene |
| 7–8 mm | 12–15 cm | Garten-Wollbiene |
| 9 mm | 15 cm | Holzbiene (Blauschwarze) |
Die meiste Aktion bekommst du mit Bohrlöchern zwischen 4 und 6 Millimeter, das ist der "Sweet Spot" für die häufigsten Mauerbienen. Bohre quer zur Holzfaser (also in das stehende Stammstück, nicht in die Stirnseite), sonst reißt das Holz und es entstehen Risse.
Bauanleitung: Wildbienen-Block in 20 Minuten
Ein massiver Hartholzklotz aus Buche, Eiche oder Esche, 15 mal 15 mal 20 Zentimeter, kostet im Baumarkt rund 8 Euro. Bohre mit einem scharfen Holzbohrer (kein abgenutzter, sonst gibt es Splitter) zwischen 30 und 50 Löcher in unterschiedlichen Durchmessern hinein. Nicht durchbohren, die Löcher müssen hinten geschlossen sein.
Nach dem Bohren prüfst du mit einem Strohhalm: Geht er glatt rein und wieder raus, ist das Loch okay. Bleibt er hängen, ist die Innenwand splittrig, ausschütteln, mit Schmirgelpapier nachbearbeiten oder das Loch neu bohren. Splittrige Löcher beschädigen die Flügel der Bienen und werden nicht angenommen.
Erdnister, die vergessene Mehrheit
Rund 75 Prozent aller Wildbienen-Arten nisten nicht in Holz, sondern im Boden. Sie graben Röhren in offenen, sandigen Flächen mit spärlicher Vegetation. In einem ordentlich begrünten Schrebergarten finden sie nichts, überall ist Rasen, Mulch oder Beet.
Die Lösung: eine Sandlinse von einem Quadratmeter in einer sonnigen Ecke. Hebe 30 Zentimeter Erde aus, fülle das Loch mit ungewaschenem Bausand (kein Spielsand!) und lasse die Fläche unbedeckt. Innerhalb einer Saison nisten dort Sandbienen, Furchenbienen und Schmalbienen, Arten, die kein Hotel der Welt anlockt.
Stängel über den Winter stehen lassen
Viele Wildbienen-Arten überwintern als Larve in hohlen Pflanzenstängeln, etwa in den Resten von Sonnenhut, Karde, Königskerze oder Wilder Möhre. Wenn du im Herbst alles auf null Zentimeter zurückschneidest, schmeißt du die Brut weg. Die Lösung: Stauden erst Ende März oder April zurückschneiden, dann sind die Larven geschlüpft. Lass mindestens 20 bis 30 Zentimeter der Stängel bis zum Frühjahr stehen.

Das sieht nicht so aufgeräumt aus wie der typische Schrebergarten, aber genau dieser Aufräum-Zwang ist mit verantwortlich für den 75-prozentigen Rückgang der Insektenbiomasse in Deutschland seit 1990. Eine etwas wildere Ecke ist kein Versäumnis, sondern eine bewusste Entscheidung pro Artenvielfalt.
Wasser, der unterschätzte Faktor
Wildbienen brauchen Wasser, besonders an heißen Tagen. Eine flache Schale mit kleinen Steinen oder Murmeln (sonst ertrinken die Bienen) reicht völlig aus. Stelle sie in den Halbschatten, nicht in die volle Sonne, dort verdunstet das Wasser zu schnell und die Bienen müssen erneut weite Strecken fliegen.
Im Gegensatz zu Vögeln und Hunden trinken Bienen nicht aus tieferen Behältern. Eine Vogeltränke mit klarem Wasser ist für Bienen zu gefährlich. Lege immer eine Landefläche in Form von Steinen oder Korken ein, die knapp über die Wasseroberfläche ragen.
Die drei Pestizid-Tabus
Wenn du wirklich Wildbienen helfen willst, gibt es drei Mittel, die du strikt vermeidest, auch wenn sie im Baumarkt frei verkäuflich sind:
- Neonikotinoide (z.B. Acetamiprid in "Calypso"): wirken auch in winzigen Dosen lähmend auf Bienen. In der EU für Hobbyanwender größtenteils verboten, aber Restbestände kursieren.
- Glyphosat (z.B. "Roundup"): tötet zwar nicht direkt, zerstört aber die Darmflora der Bienen. Studien aus Texas (2018) zeigen, dass behandelte Bienen 50 Prozent häufiger an Pilzinfektionen sterben.
- Pyrethroide (z.B. in "Schädlingsfrei Plus"): Breitband-Insektizide, die alles töten was fliegt, auch nützliche Arten.
Sprich mit deiner Vorstandsetage und deinen Parzellen-Nachbarn: Wenn nebenan jemand Glyphosat sprüht, ist deine Wildbienen-Arbeit vergebens. In den meisten Berliner Kleingartenvereinen gibt es Pestizid-Verbote in den Vereinsstatuten, kennen viele Pächter aber nicht.
Was die Pflege im Jahr kostet
Ein durchdachter Wildbienen-Garten verursacht 0 Euro Folgekosten pro Jahr. Du erntest Stauden ab, lässt Stängel über den Winter stehen (dort überwintern die Larven mancher Arten) und schneidest erst im April zurück. Sand musst du etwa alle drei Jahre erneuern, weil er verkrustet, Materialwert: rund 5 Euro.
Im ersten Jahr investierst du etwa 60 bis 80 Euro für drei Stauden, einen Holzklotz und einen Sack Sand. Ab Jahr zwei läuft das System praktisch wartungsfrei. Vergleiche das mit den 200 Euro pro Saison, die ein typischer Schrebergarten für Beet- und Balkonblumen aus dem Discounter ausgibt, und die nichts für Bienen tun.

